Leseprobe aus dem 1. Band der Serie "Sportinternat Löwenstein":

Mach dein Spiel, Ronny



Bild "Bücher:sportinternat_1_m.jpg"(Auszug aus dem 3. Kapitel)

Ich glaube, wir sind gleich da. Nächste rechts“, sagte Ronny. Er saß auf dem Beifahrersitz, mit der aufgeklappten Landkarte auf den Beinen, und studierte die Wegbeschreibung.
Plötzlich ertönte eine Sirene direkt hinter ihnen. Ronnys Vater nahm den Fuß vom Gaspedal und fuhr rechts heran. Ein Unfallwagen raste vorbei. Keine fünfzig Meter weiter leuchteten die Bremslichter rot auf und der Rettungswagen bog in eine schmale Seitenstraße.
„Fährt der etwa zu dem Sport-Internat?!“, fragte Ronnys Mutter auf der Rückbank. „Mein Gott, Günther, hältst du es wirklich für richtig, dass der Junge dort hin soll?“
Der Vater sah in den Rückspiegel, brummte etwas Unverständliches und fuhr wieder an, dem Unfallwagen hinterher.
„Günther, ich habe dich etwas gefragt.“ Die Mutter ließ nicht locker. „So weit weg von Zuhause!
Muss das denn wirklich sein?“
„So weit ist das doch gar nicht“, mischte Ronny sich ein.
Die Mutter warf einen flüchtigen Blick auf ihre Uhr. „Fast drei Stunden Fahrt – na, ich danke.“
Ronny zeigte seine Armbanduhr. „Übertreib nicht, Mama. Wir sind gerade mal gut zwei Stunden unterwegs“, korrigierte er. „Um Viertel vor sieben sind wir losgefahren, jetzt ist es gleich neun.“
„Zwei Stunden oder drei – das macht doch keinen Unterschied“, meinte die Mutter. „Günther, jetzt sag doch auch mal was.“
Der Vater sah wieder in den Rückspiegel, bedachte seine Frau mit einem verzweifelten Blick und lenkte stumm seufzend den Wagen zum Parkplatz des Sport-Internats.
„Wir sind da“, sagte er, bremste und stellte den Motor aus.
„Günther ...!“
Ronny stieß die Tür auf, stieg aus, streckte sich und lief ein paar Schritte.
„Wir haben doch über alles gesprochen“, hörte er seinen Vater sagen. „Wir sehen uns das Internat erst einmal an. Wer weiß, vielleicht gefällt es Ronny hier ja gar nicht.“
„Aber es ist so weit weg ...“, wiederholte die Mutter. „Und dann der Krankenwagen ... –  ich weiß wirklich nicht, ob das hier das Richtige ist.“
„Du hast doch gehört, was Herr Hanssen gesagt hat“, rief der Vater den Besuch des Talentspähers bei ihnen zu Hause in Erinnerung. „Ronny ist ein guter Sportler. Er könnte Profi werden, wenn er richtig trainiert und gefördert wird.“
„Ja, aber ...“
„Nichts ‚aber‘“, unterbrach der Vater. Langsam wurde er böse. „Du machst dir Sorgen um Ronny? Dann denk mal darüber nach, was aus ihm werden soll. In der heutigen Zeit, bei der Jugendarbeitslosigkeit! Wenn er es wirklich schafft und Fußballprofi wird, hat der Junge ausgesorgt.“
„Und wenn er es nicht schafft?“, zweifelte die Mutter immer noch.
„Dann werden wir weitersehen.“ Der Vater schlug einen versöhnlicheren Ton an, um seine Frau zu beruhigen. „Ronny wird hier ja nicht nur trainieren, sondern auch zur Schule gehen. Das Gymnasium soll sehr gut sein. Na ja, und wenn alle Stricke reißen, kann er immer noch einen Beruf erlernen. Hier ist es bestimmt einfacher als in Hamburg, einen Ausbildungsplatz zu finden. Herr Hanssen hat doch erwähnt, dass einige Firmen als Sponsoren eng mit dem Internat zusammenarbeiten.“
„Sicher“, sagte die Mutter, doch ihre Stimme klang wenig überzeugt. Mit skeptischen Blick betrachtete sie das baufällig wirkende, achtstöckige Haus, in dem das Internat untergebracht war. „Glaubst du wirklich, dass unser Sohn sich hier wohlfühlt?“
„Unserem Herrn Sohn tut es vielleicht mal ganz gut, für eine Weile von Zuhause weg zu sein“, entgegnete der Vater. Seine Stimme klang plötzlich wieder ungewöhnlich scharf. „Du hast ihn doch viel zu sehr verwöhnt.“
„Natürlich, jetzt kriege ich wieder die Schuld“, brauste die Mutter auf.
Scheiße, jetzt geht das Streiten schon wieder los, dachte Ronny, schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich an einen windschiefen, aus einfachen Brettern zusammengenagelten Zaun, der den Parkplatz von einem kaum gepflegten Rasen abgrenzte. Er stellte die Ohren so gut es ging auf Durchzug und betrachtete das hohe, klotzige Gebäude auf der anderen Seite der Wiese. Es war alt und sah nicht besonders einladend aus. Ronny hielt die Nase in den leichten Wind, der von dem Gebäude herüber wehte: Es roch unverwechselbar nach Schule.
Ronny verzog das Gesicht und wollte auf dem schmalen Weg weiterwandern, der vom Parkplatz weg- und offensichtlich auf das Internatsgelände führte.
Doch sein Vater hielt ihn zurück. „Komm, Junge, sehen wir uns das Internat mal an“, rief er mit einer leicht zitternden Stimme.
Ronny drehte sich ahnungsvoll um. Seine Eltern standen nicht nebeneinander. Zwischen ihnen klaffte eine Lücke, ein Riesenloch.
Der Vater versuchte zu lächeln. „Halb so schlimm, Junge“, sagte er. „Nur ein kleiner Streit. Sowas kommt in den besten Familien vor. Ist schon wieder vergessen.“
Ronny sah seine Mutter an. Ihre Mundwinkel flatterten. In den Augen standen Tränen, die sie mühsam herunterschluckte. Von wegen ‚nur ein kleiner Streit‘! Da war überhaupt nichts vergessen! Jeder einzelne der vielen Streits in den letzten Wochen und Monaten stand der Mutter ins Gesicht geschrieben.
Verdammt, fluchte Ronny stumm. Er hatte es so satt. Er konnte das alles nicht mehr ertragen: Das Schreien des Vaters, das Keifen der Mutter, die lautstarken Auseinandersetzungen, das eisige Schweigen danach.
„Komm, Junge. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, zitierte der Vater einen seiner geliebten Sprüche. „Wir werden uns doch von so einer kleinen Meinungsverschiedenheit nicht den ganzen Tag verderben lassen, oder?!“
Ronny tauchte ab, bevor der Vater ihm den Arm um die Schulter legen konnte und eilte voraus, an zwei Jungs vorbei, die vor dem Eingang standen und zufrieden das Spruchband begutachteten, das sie soeben am Vordach befestigt hatten.
„Das Ding hängt schief“, grantelte Ronny, als er an den beiden vorbei marschierte.
„Wie bist du denn drauf?“, fragte der größere Junge belustigt.
Ronny zog die große Glastür auf. „Und außerdem wird ‚offenen‘ wird mit zwei ‚f‘ geschrieben.“
„Was für ein Arsch“, stellte Sebastian fest.
„Es tut mir Leid“, flötete Ronnys Mutter, die gerade die beiden Jungs passierte. „Ich entschuldige mich für meinen Sohn. Ihr dürft ihm nicht böse sein. Er ist ein guter Junge.“
Tom und Sebastian sahen sich verwundert an.
„Sag mal, Renate, spinnst du?“ Ronnys Vater schüttelte fassungslos den Kopf. Er riss energisch die Tür auf und schob seine Frau in die Eingangshalle.
„Heiliger Dreck!“, stöhnte Tom. „Der Typ ist nicht nur ein Arschloch, sondern auch noch ein Muttersöhnchen. Hoffentlich kommt der nicht zu uns!“
„Da kannst du drauf wetten“, war Sebastian überzeugt und betrachtete wieder das Spruchband. „Vielleicht sollten wir das doch ausbessern“, sagte er nachdenklich. „Den Fehler sieht jeder Volltrottel sofort!“
„Quatsch.“ Tom tippte sich an die Stirn. „Wir sind nun mal keine Eliteschule für Sprachgenies, sondern ein Sportinternat.“
„Da hast du Recht“, stimmte Sebastian ihm zu. „Außerdem ist es besser, wenn jeder gleich sehen kann, dass bei uns solche gehirnamputierten Typen wie du rumlaufen!“
„Was?! Aber ich hab das doch gar nicht geschrieben!“, schrie Tom. Mit geballter Faust rannte er Sebastian hinterher, an Ronny und seinen Eltern vorbei.
(...).

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