Leseprobe aus:

Fehlpass



Bild "Bücher:fehlpass_m.jpg"(Auszug aus dem 1. Kapitel)

Als Marvin am Montagabend das Trainingsgelände des FC Eimsbüttel betrat, hatte er gerade die erste Straftat seines Lebens begangen – und das war ihm deutlich anzusehen! Er war blass und fahrig, die Augen flackerten wie eine Neonlampe mit defektem Starter, und der Angstschweiß stand auf seiner Stirn. Bei einer Gegenüberstellung hätte ihn selbst ein Blinder mit dem Erinnerungsvermögen einer Stubenfliege unter Tausenden problemlos wiedererkannt!
„Was ist passiert?“, fragte Tim erschrocken. Er hatte wie an jedem Trainingsabend beim Fahrradständer in der Nähe des Sportplatz-Eingangs auf Marvin gewartet. Die beiden waren Freunde seit damals in der Sandkiste, als andere Kinder Tim regelmäßig die Förmchen oder seine Schaufel wegnahmen und Marvin jedes Mal losmarschiert war, um sie den gemeinen Dieben wieder abzunehmen. An dieser Rollenverteilung hatte sich in all den Jahren nicht viel geändert. Doch womöglich war jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen. Tim hatte seinen besten Freund jedenfalls noch nie so hilflos gesehen!
„Ich habe Mist gebaut“, sagte Marvin leise und zeigte seine Hand, die genau so heftig zitterte wie seine Stimme. Er ballte sie zur Faust. Die Knöchel traten hervor, und Tim konnte sehen, dass die Haut drumherum aufgeplatzt und blutunterlaufen war.
„Mist gebaut ist ja wohl die Untertreibung der Saison. Deine Hand sieht aus, als ob du jemanden totgeschlagen hättest!“
„Hab ich auch“, gab Marvin tonlos zu. „Jedenfalls beinahe. Wenn Denise mich nicht aufgehalten hätte ...!“
Tim spürte einen Stich, als Marvin den Namen seiner Schwester erwähnte. Irgendwo in der Herzgegend. Drei Wochen zuvor hatte er nämlich mit ihr etwas erlebt, was er bislang noch niemandem erzählt hatte.
Eigentlich hatte er damals Marvin besuchen wollen, aber an Stelle seines Freundes hatte Denise die Tür geöffnet. Mit nassen Haaren, feucht schimmernder Haut und lediglich in ein großes Badehandtuch gewickelt. Aber das hatte ihren nackten Körper auch nicht lange verhüllt.
„Marvin ist nicht da, und Mama auch nicht“, hatte sie gesagt, und plötzlich war das Handtuch zu Boden gefallen! Tim, der Denise seit ihrer Geburt kannte und ihr vorher nie länger als eine Millisekunde Beachtung geschenkt hatte, konnte auf einmal nicht anders: Er starrte sie an, als ob er noch nie ein nacktes Mädchen gesehen hätte.
Höchstwahrscheinlich lag es daran, dass er tatsächlich noch nie ein nacktes Mädchen gesehen hatte. Jedenfalls keines, das leibhaftig und zum Greifen nahe vor ihm stand und auch noch so unglaublich gut aussehend war wie Denise!
Natürlich waren ihr seine lüsternen Blicke nicht verborgen geblieben, und von dem Moment an war Tim chancenlos gewesen. Denise hatte ihn nach allen Regeln der Kunst verführt!
Sehr viel Verführungskünste waren dabei allerdings gar nicht vonnöten gewesen. Wahrscheinlich hätte Tim auch ein Regenwurm rasend vor Lust gemacht, der sich langsam von der Brust hinunter zur Körpermitte schlängelt. Umso schöner war es natürlich, dass es kein Wurm gewesen war, der ihn zum ersten Mal in seinem Leben in Gegenwart eines sehr attraktiven Mädchens zum Explodieren gebracht hatte, sondern das Mädchen selbst!
Einerseits.
Andererseits war dieses sehr attraktive Mädchen ausgerechnet die Schwester seines besten Freundes! Tagelang hatte Tim immer wieder versucht, Marvin von seinem ersten Liebes- Abenteuer zu erzählen. Aber wie?! Gab es überhaupt Worte für das, was er erlebt hatte? Und würde Marvin sie hören wollen? Immerhin war es seine Schwester gewesen, die Tim zum Mann gemacht hatte!
Tim hatte das Problem einige Tage vor sich hergeschoben, bis es sich schließlich von ganz allein aufgelöst hatte. Denise behandelte ihn nämlich wie Luft! Sie blieb auf ihrem Zimmer oder verließ zuvor die Wohnung, wenn er Marvin besuchte. Wenn er sie anrief, meldete sie sich nicht, und einmal wechselte sie sogar die Straßenseite, als er ihr entgegen kam! Es war mehr als offensichtlich, dass Denise nichts mit ihm zu tun haben wollte.
Das tat weh, denn Tim hatte keine Ahnung, was er falsch gemacht haben könnte. Außerdem hätte er sich durchaus in Denise verlieben können! Aber letztlich war er froh, dass er sein erstes Liebesabenteuer nicht an die große Glocke gehängt hatte und tat fortan ebenfalls so, als ob zwischen ihm und Denise nie etwas geschehen wäre.
Sein erstes Mal würde er aber trotzdem nie vergessen!
”Wie hat sie das denn geschafft?“, nahm Tim das ins Stocken geratene Gespräch wieder auf. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie die gerade mal 1,60 kleine Denise ihren über 20 Zentimeter größeren, zwei Jahre älteren und vor allem erheblich kräftigeren Bruder von irgendetwas abhalten könnte!
„Sie hat sich auf meinem Rücken festgeklammert und mich von hinten gewürgt.“
Marvin sagte diesen Satz so ruhig und selbstverständlich, dass Tim es ihm beinahe abgekauft hätte. Dabei wusste er ganz genau, dass Marvin und Denise eigentlich ein Herz und eine Seele waren. Er tat alles für seine Schwester, und sie für ihn umgekehrt genauso. Auch das war ein Grund, warum Tim seinem Freund nichts von sich und Denise erzählt hatte. Er wollte sich nicht zwischen Marvin und seine Schwester drängen!
Marvin schien Tims fragende Blicke zu spüren.
(...)
„Ich bin also nach Hause gegangen, über eine Stunde früher als sonst“, fuhr er schließlich fort, ohne Tim dabei anzusehen. „Im Treppenhaus waren schon so merkwürdige Geräusche zu hören gewesen, aber ich bin ja doof und hab mir nichts dabei gedacht. Ich bin also rein in unsere Wohnung - und da habe ich sie gesehen: Denise und einen Typen! Sie waren beide nackt und haben es miteinander getrieben, mitten in der Küche, auf unserem Küchentisch! Die Drecksau hat meine Schwester gef***! Von hinten!“
Marvins Gesicht verzerrte sich vor Wut, aber auch Tim war schwer geschockt. Die Gedanken schossen so rasend schnell durch sein Hirn wie Protonen in einem Teilchenbeschleuniger. Er wartete auf den Urknall in seinem Schädel, aber der kam nicht. Stattdessen schien plötzlich sein gesamter Körper zu explodieren. Alles tat ihm weh, jede Stelle, die Denise damals berührt hatte!
„He, alles okay?“
Tim spürte Marvins Hand auf seinem Arm und zog ihn erschrocken weg. Doch der Schreck wurde noch größer, als er bemerkte, dass Marvin ihn besorgt anschaute. Besorgt, aber zugleich auch irritiert. Kein Wunder, denn objektiv betrachtet gab es keinen Grund für Tims heftige Reaktion, die ihm anscheinend auch noch sehr deutlich anzusehen war.
Subjektiv war es allerdings etwas ganz anderes! Tim war wütend. Er fühlte sich gedemütigt und hatte plötzlich das sehr unangenehme Gefühl, dass Denise ihn nur damals benutzt hatte. Sie hatte gar nicht ihn gewollt, sondern nur irgendjemanden.
Ich Trottel, verfluchte Tim sich selbst. Stumm, natürlich. Aber Marvins Argwohn war bereits geweckt.
„Was ist denn los?“, fragte er.
Deine Schwester ist eine miese Schlampe!, hätte Tim ihm am liebsten ins Gesicht geschrien. Aber das konnte er natürlich ebenso wenig bringen wie ein viel zu spätes Geständnis: Ach, wo wir gerade bei dem Thema sind – ich hab’s auch mit Denise getrieben, und zwar nicht nur auf dem Küchentisch, sondern auch noch auf deinem Bett ... – nein, das ging nicht. Das ging gar nicht!
Tim schüttelte sich, als ob er einen Schwarm Mücken davon abhalten wollte, seinen Körper als Futterstelle zu benutzen.
„Nichts“, sagte er dann. „Es ist wirklich nichts. Außerdem geht es nicht um mich.“ Tim schaffte es, seinem Freund in die Augen zu sehen. „Wie hast du reagiert, als du sie erwischt hast? Was hast du mit dem Typen gemacht?“
Marvin zögerte.
„Was schon – ich hab ihm eine reingehauen“, sagte er so gezwungen beiläufig, dass ihm selbst ein Fremder kein Wort geglaubt hätte.
(...)

Taschenbuch | 144 Seiten | Reinbek: Rowohlt 2010 | ISBN 978-3-499-21554-4 | € 7,95


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